Körpermeditation (Embodied Meditation)

Meditation wird oft als rein geistige Übung verstanden. Begriffe wie "geistiger Weg" oder "Geistestradition" legen das zunächst auch nahe. Abendländisch sozialisiert trennen wir auch gerne zwischen Geist und Körper, Kopf und Herz, Intellekt und Gefühl. Ein Verständnis des spirituellen Weges als rein geistige Übung kann diese Trennung verstärken. Welche Relevanz hat unsere somatische Existenz für die meditative Praxis?


Wir sind mit unserem Körper in die Welt geworfen. Unsere Sinnesorgane verbinden uns mit dem Leben um uns herum. Über den Körper spüren wir Leben, jetzt im Moment. Im Körper sind aber auch Reaktionen auf frühere Erfahrungen in Form von Anspannungsmustern gespeichert. Sie beeinflussen unser Erleben der jetzigen Wirklichkeit, prägen unser Fühlen, Denken und Handeln. Eckhart Tolle verwendet hier den Begriff des "Schmerzkörpers". Wir können den Augenblick nicht mehr unvoreingenommen wahrnehmen und verengen unsere Sicht. Das gibt uns Sicherheit und das Gefühl "Ich" zu sein. Das Leben jedoch wird statisch, verliert die Frische des Augenblicks. Dem steht die prozesshafte, ständig in Veränderung befindliche Qualität des Lebens gegenüber. Im buddhistischen Sinne entsteht Leid aus dem Festhalten oder Ablehnen dieses Lebensflusses.

Eine zentrale Lehrrede zurückgehend auf den historischen Buddha ist die von den "Vier Grundlagen der Achtsamkeit" (Sattipatthana Sutta). Hier erfahren wir eine recht klare Anleitung für unsere Meditation. Die erste Grundlage der Achtsamkeit weist uns an, die Aufmerksamkeit auf die Atmung und den Körper zu lenken. Dabei geht es darum, die Atmung wirklich zu spüren (z.b. das Heben und Senken der Bauchdecke) und mit der Aufmerksamkeit bei dieser basalen Empfindung zu bleiben. Wir entwickeln dabei Ruhe und innere Sammlung. Wenn wir uns in diesem Gewahrsein verankern, lernen wir zwischen dem lebendigen Jetzt und vergangenen Erfahrungen zu unterscheiden.

Auch in unserer Kum Nye Praxis richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Körper und die natürlich fließende Atmung. Im Wechsel zwischen stillem Sitzen und Bewegung kann sich Anspannung lösen und wir beheimaten uns immer mehr im Körper. Die Trennung zwischen Körper und Geist löst sich in dieser Präsenz auf. Sie war ohnehin nie da. Da ist einfach nur bewusste Anwesenheit im Körper. Meditation wird zur ganzheitlichen, Körper und Geist umfassenden Seinserfahrung. Tarthang Tulku, der Kum Nye für den westlichen Menschen zugänglich gemacht hat, formuliert es so: "den Geist verkörpern - den Körper vergeistigen". Wer mehr über die Bedeutung des Körpers für die spirtuelle Praxis erfahren möchte, dem seien die wunderbaren Bucher "Die Intelligenz des Körpers" von Reginald A. Ray  und "Jetzt" von Eckhart Tolle empfohlen.

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Kommentare: 2
  • #1

    marianne frye (Samstag, 28 Mai 2016 09:32)

    lieber herbert, nochmal sehr wertvoll "derKörper in der Meditation" , mach den Blog unbedingt weiter ....

    mit ermutigenden Grüßen
    marianne

  • #2

    Monika (Sonntag, 12 Juni 2016 21:16)

    Lieber Herbert,
    danke für die Erläuterungen. Als Kum Nye Anfängerin habe ich hierdurch und durch das Lesen weiterführender Literatur erst begriffen,worauf es ankommt. Ich würde mir noch mehr "Hintergrundinfos" wünschen. Freue mich schon auf Deinen nächsten Beitrag. Viele Grüße Monika